2019

Mit Körpereinsatz sensibilisieren - Inklusion an der Uni Köln

Drei Teilnehmer*innen spielen Goalball und versuchen einen Ball zu fangen.
Goalball mit vollem Körpereinsatz.

Sechs Spieler*innen knien sich gegenüber. Sie sind jeweils zu dritt vor einem 9 Meter breiten Tor aufgestellt, welches nur knapp über einen Meter hoch ist. Gespannt lauschen sie darauf, wo das nächste Geräusch herkommt. Ein Ball ist zu hören, der mal hüpft, mal rollt. Aber er ist stets zu hören, weil sich in ihm Glöckchen befinden, die diesen deutlich hörbar machen. Es wird schnell reagiert, denn das eigene Tor muss geschützt werden. Es wird sich auf den Boden geworfen, über diesen geglitten und möglichst breit gemacht. Doch hin und wieder passiert es, dass der Ball in das eigene Tor springt. Den Anweisungen des Trainers wird genau zugehört und die Schwächen des  Gegenübers von diesem immer wieder ausfindig gemacht. Der Ball sollte nämlich stets in das gegnerische Tor gelangen und nicht in das eigene. Das hört sich nicht sonderlich schwer an, doch alle Sportler*innen tragen blickdichte Brillen. Niemand kann etwas sehen.

Goalball ist die beliebteste Ballsportart, die nach Gehör gespielt wird und trotzdem kennen nur wenige Sehende diesen Sport. Diese Sportart war nur eine von vielen, die am 25. Mai 2019 an der Uni Köln im Zuge des Aufbaumoduls „Sport für und mit Menschen mit Sehbehinderung“ ausprobiert wurden. Es ist Teil einer größeren Reihe, die viele Aspekte des Behindertensports, auch an Menschen ohne Beeinträchtigungen vermittelt. Das Ziel dieses Moduls war es Trainer*innen und Sportler*innen für einen inklusiven Unisport zu sensibilisieren und damit Barrieren abzubauen. Eckhard Rohde, der Leiter des Unisports, Teresa Odipo und Marcel Wienands brachten den Teilnehmer*innen theoretische und praktische Inhalte näher. Teresa Odipo und Marcel Wienands, beide wissenschaftliche Mitarbeiter*innen an der Deutschen Sporthochschule Köln, sind aktiv im Behindertensport und haben bereits zahlreiche Erfahrungen gesammelt. Teresa Odipo ist sogenannte Begleitläuferin für einen blinden Läufer und Marcel Wienands hat während seines Studiums einen Großteil seines Sehvermögens verloren.

Sport ist für die meisten Menschen ein elementarer Teil des Alltags und kann in verschiedensten Formen ausgeübt werden. Welche Barrieren dabei bestehen, hängt von der individuellen Situation ab. Ziel des Kurses ist eine Vermittlung verschiedener Variationen und das Eingehen auf die Möglichkeiten, die ein jedem gegeben sind. Körperliche Beeinträchtigungen sind für das Team um Rohde, Odipo und Wienands kein Hindernis, sondern eine Herausforderung. Deswegen war neben dem theoretischen Teil, der wesentliche Aspekte der Beeinträchtigungen vermittelte, besonders der praktische Teil wichtig, der den eigenen Horizont erweitert. Eine spätere Anwendung des Wissens und der Erfahrungen wird sich bei allen Teilnehmenden finden. Selbiges lässt sich jetzt schon für den nächsten Kurs sagen, der „motorische Beeinträchtigungen“ thematisieren  wird. Er wird ebenso neue Erfahrungswerte vermitteln.

Marcel Wienands gibt den Teilnehmenden Positionsanweisungen.
Unter Anweisung wurde sich positioniert.

So lief der Kurs konkret ab: Neben dem theoretischen Input, der besonders von Marcel Wienands vorgetragen wurde, der  über verschiedene Formen von Sehbeeinträchtigungen aufklärte, war wohl besonders der praktische Teil sehr eindrücklich. Allen Teilnehmer*innen wurden die Augen verbunden, damit eine Chancengleichheit bestand. Mit verschiedenen Spielen und Übungen wurden schließlich die Herausforderungen angegangen. Dehnübungen waren der Anfang. Mit verschlossenen Augen gestaltet sich eine solche erste Übung überraschend schwer. Die Positionen, zur Dehnung bestimmter Körperpartien konnten ohne optische Beispiele nur schwer nachgeahmt werden und genauere Anweisungen waren notwendig. Nach dieser ersten Hürde wurde dann Gehör, Vertrauen und Konzentration, anhand von verschiedenen Spielen, sensibilisiert. Eine dieser Übungen bestand daraus, Teams zu bilden und sich dann getrennt im Raum zu verteilen, um sich dann wiederzufinden. Dieses geschah durch selbst ausgedachte Geräusche. Eine Erkenntnis bei dieser Übung war, dass die Umgebungsgeräusche überraschend irritierend sein können und dass viele Geräusche sich sehr ähneln. Eine andere Übung bestand daraus, nach Anweisung bestimmte Schritte in verschiedene Richtungen zu machen und anschließend zu beurteilen wie sich die eigene Ausgangsposition verändert hat. Für viele war die abschließende Einschätzung nur durch die Position des Trainers Marcel Wienands möglich, der die Anweisungen mündlich weitergab.  Für die Teilnehmer*innen wurde dadurch klar, dass das Fehlen des Sehsinns die anderen Sinne stärker einbezieht. Konzentration, aber auch Vertrauen gegenüber den Mitmenschen spielen dabei eine enorme Rolle, die erst durch das eigene Erfahren richtig spürbar werden.

Zwei Sportler*innen joggen im Team. Eine Person trägt eine Augenbinde.
Der Untergrund spielte kaum eine Rolle.

Nach diesen ersten Übungen wurde es fordernder. Wie funktioniert die Orientierung draußen? Was ist, wenn die Bewegungen schneller werden? Teresa Odipo führte die Gruppe in das Begleitlaufen ein. Hierzu trägt ein Tandem aus zwei Menschen ein Band zwischen sich, über das Signale weitergegeben werden. Dazu wird beispielhaft am Band gezogen. Aber auch die mündliche Kommunikation spielt eine wichtige Rolle. Kurzerhand wurde die Gruppe in Zweierteams eigenständig losgeschickt. Eine Person ohne Augenbinde und eine mit. Es ging Kurven entlang, Treppen rauf und runter und dann wurde die Augenbinde gewechselt. Nach kurzer Orientierung ging es dieselbe Strecke wieder zurück. Rechts, links, über verschiedene Untergründe zum Ausgangspunkt zurück. Das Fazit: Laufen ist auch mit eingeschränkter oder nicht vorhandener Sehkraft möglich. Langsame Bewegungen sind nicht nötig.

Der Höhepunkt des Seminars bildete Goalball. Ein schneller Sport, der alle Fähigkeiten braucht, die zuvor geschult wurden. Konzentration, genaues Gehör, aber auch Vertrauen gegenüber den Mitspieler*innen und des Trainers bzw. der Trainerin, welche/r die Anweisungen gibt. Einziges Manko für die normalerweise Sehenden: Die schnellen Bewegungen, die wohl das größte Hindernis waren. Fitness wird in allen Bereichen des Körpers benötigt. Dieses hat sich dann schließlich auch in der Auswertung bemerkbar gemacht. Für manche war Goalball etwas zu viel des Guten. Spaß hat es aber allemal gemacht.

 

Die Veranstaltung ist ein Teil einer längeren Reihe. Es werden weitere Veranstaltungen in naher Zukunft folgen. Wir werden darüber selbstverständlich informieren.

Das Bildmaterial wurde vom Unisport Köln zur Verfügung gestellt. Alle Rechte vorbehalten.

Neues Mentoring für Akademiker*innen mit Behinderungen

als Teil von iXNet - inklusives Expert*innen-Netzwerk

Um Akademiker*innen mit Behinderungen beim (Wieder-)Einstieg ins Berufsleben zu unterstützen, führt der Hildegardis-Verein e.V. ein neues Mentoring-Programm ein. Ab sofort werden insgesamt 40 Akademiker*innen mit Behinderungen als Mentees sowie 40 schwerbehinderte Akademiker*innen mit Berufserfahrung gesucht, die ihre Erfahrung als Mentor*innen weitergeben möchten. Der erste Durchgang des ein Jahr dauernden Mentoring-Prozesses startet im Dezember, weitere 20 Tandems sollen im Juni 2020 ihre Arbeit aufnehmen.

„Mehr als zehn Jahre nach unserem bundesweit ersten Mentoring-Projekt für Studentinnen mit Behinderung geht der Hildegardis-Verein nun einen Schritt weiter: Neben der Inklusion an Hochschulen bringen wir die berufliche Teilhabe von Akademikerinnen mit Behinderungen voran“, erklärt Dr. Hannah Schepers, Vorstandsmitglied des Hildegardis-Vereins. „Es zeigt sich immer wieder, dass hochqualifizierte Frauen mit Behinderungen geringere Karriere- und Beschäftigungschancen als Männer haben“, fügt Schepers hinzu. „Als Hildegardis-Verein wollen wir daran mitwirken, dass sich dies ändert.“ Gefördert von der Contergan-Stiftung hatte der Hildegardis-Verein von 2008 bis Juni 2013 bereits ein Mentoring-Programm für 60 Studentinnen mit Behinderung durchgeführt.

Das neue Mentoring-Programm ist Bestandteil des im Oktober 2018 begonnenen Projektes iXNet - inklusives Expert*innen-Netzwerk. Es wird Expert*innen-Wissen nutzen, bündeln und zur Verfügung stellen, um als inklusives Peer-Support-Netzwerk insbesondere Akademiker*innen mit Behinderungen auf ihrem beruflichen Weg zu unterstützen und ihre Beschäftigungsperspektiven zu verbessern. Bis Ende September 2021 entwickelt und etabliert iXNet dazu ein webbasiertes, inklusives und berufsbezogenes Informations- und Unterstützungsangebot für schwerbehinderte Akademiker*innen. Um Akademiker*innen neben dem digitalen Austausch auf der Online-Plattform auch persönlich zu unterstützen, führt der Hildegardis-Verein das Mentoring-Programm durch.

Die Bewerbungsfrist für den im Dezember beginnenden ersten Mentoring-Durchgang ist am 31. August 2019. Um der beobachteten doppelten Benachteiligung von Frauen mit Behinderungen am Arbeitsmarkt Rechnung zu tragen, können in diesem Durchgang ausschließlich weibliche Mentees teilnehmen. Der im Juni 2020 startende zweite Durchgang richtet sich an männliche und weibliche Mentees. Als Mentor*innen kommen in beiden Durchgängen Frauen und Männer mit Behinderungen und Beeinträchtigungen in Frage.

Initiiert vom Arbeitgeberservice für schwerbehinderte Akademiker der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) sind an iXNet vier Institutionen beteiligt: das Institut für empirische Soziologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, der Hildegardis-Verein e. V., das Institut der Deutschen Wirtschaft Köln e. V. – REHADAT und die ZAV.

Inklusion an Hochschulen umsetzen – praktisch, einfach und mit Spaß

Best-Practice-Exkursion des Fachkollegs an die Uni Leipzig

In der Sporthalle: Zwei Frauen und drei Männer in Rollstühlen scharen sich um einen Basketball-Korb, in den gerade ein Ball hinein fällt. © Hildegardis-Verein/Agathe Lukassek
Rollstuhlbasketball am inklusiven Sporttag

Am 5. Juni fand an der Universität Leipzig der inklusive Sport- und Aktionstag “Was uns bewegt” statt. Ein Paradebeispiel dafür, wie Inklusion niederschwellig und mit Spaß gelebt werden kann. Das Fachkolleg „Inklusion an Hochschulen – gendergerecht“ war dabei.

Ob „Erfolgreich bei den Special Olympics“, Blindenfußball-Torschießen oder ein Workshop zur barrierefreien Gestaltung von Social-Media-Beiträgen: Eine große Vielfalt an sportlichen Aktionen sowie Fortbildungen und Beratung wurden am Mittwoch beim Hochschulaktionstag Inklusion der Universität Leipzig angeboten. Grund genug für das Fachkolleg „Inklusion an Hochschulen – gendergerecht“ um dabei zu sein. Laut Georg Teichert, dem Gleichstellungsbeauftragten der Universität Leipzig, will der Hochschulaktionstag dazu beitragen, dass „ein barrierefreies Miteinander zum gelebten Alltag“ werde.

Neben inklusiven sportlichen Aktivitäten wie Rollstuhl-Parcours, Towel-Volleyball und einer „Inclusive Games Station“ konnten die Teilnehmer*innen ihre Sinne schärfen im „inklusiven Schulgarten“. Oder sie testeten bei der Mitmach-Ausstellung „Behindern verhindern - Zeit für barrierefreies Handeln“, wie sich manche Einschränkungen anfühlen. Für den Kopf gab es Schnupperkurse in Gebärdensprache und Workshops etwa zu den Themen Stressbewältigung und Unterstützung bei psychischen Beeinträchtigungen im Studium und am Arbeitsplatz. In der Ernst-Gruber-Halle konnten am Vormittag Mitarbeiter*innen der Uni in der „Ulympiade“ gegeneinander antreten; am Nachmittag hieß es für alle Interessierten auf drei Sportfeldern „Let’s move“. Neben dem offensichtlichen Spaß, den die Sporttreibenden dabei hatten, nahmen viele den Nebeneffekt dankbar an, dass sie so der gleißenden Sonne entfliehen konnten.

Nicht nur Studierende mit und ohne Beeinträchtigung waren die Zielgruppe der Aktionstags: Einige Programmpunkte schlossen auch Kinder als Teilnehmer*innen ein oder richteten sich gezielt an Führungskräfte („Gesund sein. Gesund führen“). Zu den externen Gästen zählten Athlet*innen der Special Olympics Deutschland und Vertreterinnen des Büros für Menschen mit Behinderung der Cracow University of Economics. Für den internationalen Austausch unter Expert*innen aus dem Bereich Inklusion an Hochschulen sorgte ein gemeinsames Arbeitsessen in der Mensa. Die Krakauer Hochschule holte sich vom Leipziger Gleichstellungsbüro und vom Hildegardis-Verein Expertise zum Bereich Inklusion ein, um die eigene Arbeit auf dem Gebiet weiter zu entwickeln.

Eine Frau mit Augenbinde schießt einen Fußball aufs Tor. © Hildegardis-Verein/Agathe Lukassek
Blindenfußball beim inklusiven Sporttag

Auf dem „Markt der Möglichkeiten“ stellten sich Beratungs- und Informationsangebote der Uni, der Stadt Leipzig und aus der Region vor. Mittendrin war auch das Fachkolleg, das über die Biografiezirkel für Studentinnen mit Beeinträchtigung informierte und betonte, wie wichtig die Vernetzung von Diversity- und Gleichstellungsbüros sowie Behindertenbeauftragten innerhalb der Hochschullandschaft sei. Das Fachkolleg ruft alle Hochschulen dazu auf, es über ihre besten Inklusions-Maßnahmen zu informieren, und zeichnet herausragende Best-Practice-Beispiele (siehe Info unten) aus.

„Nicht zuletzt als Modellstandort im Fachkolleg ist sich die Universität Leipzig bewusst, dass Teilhabe vielfältige Dimensionen hat“ sagte Teichert. „Unbeabsichtigte Vorurteile und Benachteiligungen haben oft mehr als einen Grund – darauf wollten wir auch am Aktionstag wieder universitätsweit aufmerksam machen.“ Auf die Zukunft gerichtet sagt der Gleichstellungsbeauftragte: „Unser Anspruch ist, dass so ein inklusiver Aktionstag ein wirklich hochschulweites Format wird“. Teichert äußerte den Wunsch, dass die Exkursion dem Fachkolleg vielfältige Impulse gibt und einmal mehr zeigt, dass die Herausforderung Inklusion gemeinsam schaffbar ist. Fachkolleg-Projektkoordinatorin Melanie Peschek sieht dieses Anliegen gelungen: „Die angebotenen Programmpunkte waren von hoher Qualität und sehr vielfältig. Wir sind inspiriert von den vielen Angeboten und von der Erfahrung, mit welcher Leichtigkeit Inklusion gelebt werden kann“, lautet ihr Fazit.

Der Hildegardis-Verein konnte das Format als Best-Practice-Beispiel kennenlernen und kann nun den anderen Modellstandorten des Fachkollegs sowie weiteren Hochschulen von den Erfahrungen berichten. Er möchte gemeinsam mit den Hochschulen daran arbeiten, dass das Thema Inklusion stückweise immer mehr zum Universitätsalltag wird und die immer noch vorhandenen Barrieren in den Köpfen abgebaut werden.

„Intensiv und bereichernd“ - Pilotgruppe diskutiert über Perspektiven für inklusive Hochschulen

Teilnehmer*innen sitzen an Tischen und sehen sich ein Video an, welches an die Wand projeziert wurde
3. Pilotgruppensitzung

„Die  Vertragsstaaten  stellen  sicher,  dass  Menschen  mit  Behinderungen  ohne Diskriminierung  und  gleichberechtigt  mit  anderen  Zugang  zu  allgemeiner Hochschulbildung, Berufsausbildung, Erwachsenenbildung und lebenslangem Lernen  haben.“ So heißt es im Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention. In Deutschland trat sie vor zehn Jahren in Kraft – am 26. März 2009. Wenige Tage nach dem Jubiläum erinnerte die 3. Pilotgruppensitzung des „Fachkollegs Inklusion an Hochschulen – gendergerecht“ daran, dass sich an den Hochschulen noch einiges tun muss, bis dieses Recht auf Bildung von allen wahrgenommen werden kann. Auch die Studierenden selbst nannten in der aktuellen best2-Datenerhebung („beeinträchtigt studieren 2016/17“) mehrere Verbesserungsvorschläge.

Hier setzte die Pilotgruppe an: Die 15 Teilnehmer*innen von den Hochschulen, Akademikerinnen mit Behinderung und Mitarbeitende aus dem Hildegardis-Verein nahmen sich viel Zeit, um über das Auslandsstudium mit Behinderung und das „Englische Modell“ einer inklusiven Hochschule mit ihrem Studieninklusionsplan zu diskutieren. Statistiken über Studierende mit Beeinträchtigung, die für ein Semester oder ein Praktikum ins Ausland gehen, gibt es zwar nicht. Der Hildegardis-Verein kennt aber eine Frau, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in Ghana gemacht hat und aus der Pilotgruppe erzählte Nina Odenius über ihre zwei studienbegleitenden Praktika in Frankreich und Italien. Als blinde Frau habe sie in Paris und Pisa viel Unterstützung von Privatpersonen und Menschen auf der Straße erhalten, aber ein Konzept und Strukturen für den Umgang mit Studierenden mit Behinderung habe es kaum gegeben.

Was braucht es für das Studium im Ausland mit Behinderung?

Die Bedarfe der Studierenden unterscheiden sich erheblich: Während die einen ihre Behinderung nicht einmal offiziell angeben, müssen sich andere ihre Auslandsreisen erkämpfen und wieder andere – mit Assistenzbedarf – stehen vor großen logistischen und finanziellen Herausforderungen. Zuletzt gibt es auch Frauen und Männer mit Behinderung, die sich selbst von vornhinein kein Auslandsstudium zutrauen und gar nicht erst nach Möglichkeiten fragen. Diese Barrieren in den Köpfen müssen überwunden werden, indem Studierende mehr ermutigt werden, lautete ein Fazit der Pilotgruppe. Denn es gibt etwa in Irland ausgereifte Konzepte und eine selbstverständliche Aufnahme von Studierenden mit Behinderung, von denen andere – auch deutsche – Hochschulen einiges lernen könnten.

Als weitere Perspektive für eine inklusive Hochschule beriet die Gruppe über Vor- und Nachteile des „Englischen Modells“, also des Studieninklusionsplans, der an zahlreichen englischsprachigen Hochschulen angeboten wird. Dieser sieht vor, dass Studierende mit Beeinträchtigungen zu Studienbeginn einmal in einem Beratungsgespräch ihre Bedarfe äußern und die Hochschule dann dafür zu sorgen hat, dass sie erfüllt werden. Die Bedarfe werden an vorab vereinbarte Lehr- und Verwaltungskräfte weitergeleitet und Studierende können sich im Kontakt mit ihrem Lehrpersonal auf fachliche Fragen konzentrieren. Um so einen Inklusionsplan zu erhalten, müssen die Studierenden Nachweise vorlegen. Was ist aber mit denjenigen, deren Beeinträchtigung sich im Laufe der Zeit verändert, was bei rund der Hälfte der Fall ist, etwa weil sie Posttraumatische Belastungsstörungen haben?

In Deutschland haben die meisten Hochschulen ihr eigenes System. Als ersten Schritt merkten die Pilotgruppenmitglieder an, dass die Ansprechpersonen an den Hochschulen nicht jährlich wechseln sollten, wie es bislang der Fall sei. Danach könnte erwogen werden, auf politischer Ebene zu intervenieren. Bislang wird die Hol- und Bringschuld als besonderes Spannungsfeld wahrgenommen, hier könnte das Englische Modell vieles vereinfachen.

Erzählcafés und inklusiver Tanzkurs

Das Fachkolleg und die fünf Modellstandorte berichteten weiter über den aktuellen Stand an ihren Hochschulen. So entwickelten sich die Biografiezirkel allmählich und seien insbesondere an der TH Köln sehr erfolgreich, wo bereits fünf Treffen stattfanden, berichtete Projektkoordinatorin Melanie Peschek. In Biografiezirkeln (auch Erzählcafés genannt) treffen sich Studentinnen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen und/oder besonderen familiären Herausforderungen in einem geschützten Rahmen zu einer Gesprächsrunde.

An der Fachhochschule Dortmund gibt es neuerdings bei der online-Einschreibung den Hinweis auf das „Team Barrierefrei Studieren“, um frühzeitig über Beratungsmöglichkeiten zu informieren. Im Wintersemester 2018/19 nahmen vier Studierende vor Vorlesungsbeginn so Kontakt auf, im Sommersemester waren es sieben. Die Universität Leipzig plant einen inklusiven Sport- und Aktionstag am 5. Juni und plant außerdem das Programm t.e.a.m-ability („team expertise alumnae mentoring“), das auch die anderen Hochschulen der Stadt übernehmen wollen. Die Universität Bamberg will am 15. Mai ein Bewerbungstraining für Studierende mit Beeinträchtigung anbieten und plant weiter unter anderem einen inklusiven Tanzkurs. Die Universität Köln hat einen neuen (2018 entwickelten) Inklusionsplan und will in den kommenden fünf Jahren bis zu 50 Maßnahmen umsetzen.

Das fünfstündige Treffen fand am 29. März 2019 in den Räumen der Aktion Mensch im Süden Bonns statt. Viele Teilnehmer*innen äußerten im Anschluss, dass sie es als sehr intensiv, spannend und bereichernd empfunden haben. Das Pilotgruppentreffen habe wichtige Impulse vermittelt. Die Beiträge und kontroversen Diskussionen wirkten auch nach Wochen noch nach, schrieb eine Teilnehmerin dem Hildegardis-Verein.

Symposium "Zehn Jahre UN Behindertenrechtskonvention - Selbstbestimmung, Partizipation und Inklusion revisited"

Jürgen Dusel beim Symposium "Zehn Jahre UN Behindertenrechtskonvention - Selbstbestimmung Partizipation und Inklusion revisited"

Am 2. April 2019 waren wir mit dem Fachkolleg zu Gast an der Ruhr-Universität Bochum, die zusammen mit der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe und der Hochschule für Gesundheit Bochum das Symposium "Zehn Jahre UN Behindertenrechtskonvention - Selbstbestimmung, Partizipation und Inklusion revisited" veranstaltet hat.

Wir konnten uns viele spannende Vorträge von verschiedenen Personen anhören, an Fachforen teilnehmen und gemeinsam diskutieren. Der Vortrag von Professorin Theresia Degener warf einen Blick aus internationaler Perspektive auf 10 Jahre UN BRK, Dr. Adolf Ratzka vom Independent living Institute in Stockholm referierte über das Thema Selbstbestimmt leben als Menschenrecht. Außerdem war auch der Behindertenbeauftragter der Bundesregierung - Jürgen Dusel zu Gast und stellte die Teilhabe am politischen und öffentlichen Leben in den Mittelpunkt. Mit seinem Leitspruch "Demokratie braucht Inklusion" war das nur eines der Zitate, die es auf den Punkt bringen. 
Das Credo aller war, dass zwar schon viel erreicht ist, es aber auch noch viel zu erreichen gilt und wir alle gemeinsam für gleichberechtigte Teilhabe kämpfen müssen. Nicht zuletzt trifft auch heute noch das Zitat von Hubert Hüppe, dem ehemaligen Bundesbeauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderung zu: "Wer Inklusion will, sucht Wege und wer sie verhindern will, sucht Begründungen" (PM vom 7.3.2011).

Biografiezirkel, ein spannender Austausch

"In der Mittagspause zwischen den Vorlesungen und Seminaren kann frau in die Mensa gehen, in den nächst gelegenen Buchladen oder einen kleinen Spaziergang machen. Sie kann sich aber auch mit anderen treffen, um über die Herausforderungen zu diskutieren, die ein Studium mit sich bringt, wenn man eine chronische Erkrankung, eine psychische Beeinträchtigung oder eine körperliche Behinderung hat.

Klingt unwahrscheinlich? Passiert im Moment aber an einigen deutschen Unis und Fachhochschulen. So etwa auch an der TH Köln, einem von fünf Modellstandorten des Fachkollegs „Inklusion an Hochschulen – gendergerecht“. Seit April 2018 finden sich dort zweimal pro Semester Studentinnen, Angestellte und Lehrende mit Beeinträchtigung(en) zu sogenannten „Biografiezirkeln“ zusammen, um sich auszutauschen, einander zu stärken und zu ermutigen.

Die Themen, die die Teilnehmerinnen dabei besprechen, reichen von der Frage, was Erfolg individuell bedeuten kann, welche Barrieren ein akademisches Leben  mit einer Beeinträchtigung kennzeichnen und welche Lösungsstrategien dabei helfen, sie zu überwinden.

Für die Teilnehmerinnen ist ein solcher Austausch eine „sehr positive Sache“, so  Klara Groß-Elixmann, die den Biografiezirkel an der TH Köln organisiert und moderiert. „Sie erleben es als äußerst wertvoll, sich in einer Atmosphäre der Wertschätzung und des gegenseitigen Verständnisses Menschen gegenüber öffnen zu können, die wissen, wovon die Rede ist. In deren Geschichten sie sich wiederfinden. Und bei denen sie nicht das Gefühl haben, dass eine Rechtfertigung oder große Erklärungen notwendig sind.“

Besonders gewinnbringend ist es für die Zirkelteilnehmerinnen auch, mit Frauen zu reden, die auf der akademischen Leiter bereits weiter nach oben gestiegen sind – oder an der TH tätig sind. „Diese ’erfahreneren‘ Frauen liefern wichtige Impulse“, erklärt Groß-Elixmann. „Sie vermitteln, dass es auch mit einer Beeinträchtigung möglich ist, in diesem Umfeld erfolgreich zu sein. Das macht Mut.“ Ebenso ist es bei den Frauen, die in der Verwaltung oder anderen Abteilungen der Hochschule arbeiten. „Der Austausch mit diesem Personenkreis lenkt den Blick über den Tellerrand hinaus, bietet Einsicht in das Berufsleben, das nach dem Studium kommt.“

Auch die Frage der Vereinbarkeit von Studium und Familienverantwortung wird in Biografiezirkeln häufig diskutiert. Denn für einige der Teilnehmerinnen ist es  keine körperliche oder psychische Beeinträchtigung, sondern die Pflege eines Elternteils oder die Erziehung eines Kindes,- die sie täglich herausfordert. Um es auch ihnen zu ermöglichen, beim Biografiezirkel mit zu machen, findet dieser an der TH Köln jetzt in der Mittagspause statt.

Kein Wunder also, dass viele der Frauen, die einmal an einem Biografiezirkel teilgenommen haben, wiederkommen. „Diese positive Resonanz zeigt uns, dass wir hier offensichtlich einen großen Bedarf erfüllen“, sagt Melanie Peschek, Projektkoordinatorin des Fachkollegs, „und bestätigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind! Wer also Interesse hat, an ihrer Hochschule einen Biografiezirkel zu organisieren, soll sich gerne bei uns melden. Wir freuen uns darauf!"