2019

„Intensiv und bereichernd“ - Pilotgruppe diskutiert über Perspektiven für inklusive Hochschulen

Teilnehmer*innen sitzen an Tischen und sehen sich ein Video an, welches an die Wand projeziert wurde
3. Pilotgruppensitzung

„Die  Vertragsstaaten  stellen  sicher,  dass  Menschen  mit  Behinderungen  ohne Diskriminierung  und  gleichberechtigt  mit  anderen  Zugang  zu  allgemeiner Hochschulbildung, Berufsausbildung, Erwachsenenbildung und lebenslangem Lernen  haben.“ So heißt es im Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention. In Deutschland trat sie vor zehn Jahren in Kraft – am 26. März 2009. Wenige Tage nach dem Jubiläum erinnerte die 3. Pilotgruppensitzung des „Fachkollegs Inklusion an Hochschulen – gendergerecht“ daran, dass sich an den Hochschulen noch einiges tun muss, bis dieses Recht auf Bildung von allen wahrgenommen werden kann. Auch die Studierenden selbst nannten in der aktuellen best2-Datenerhebung („beeinträchtigt studieren 2016/17“) mehrere Verbesserungsvorschläge.

Hier setzte die Pilotgruppe an: Die 15 Teilnehmer*innen von den Hochschulen, Akademikerinnen mit Behinderung und Mitarbeitende aus dem Hildegardis-Verein nahmen sich viel Zeit, um über das Auslandsstudium mit Behinderung und das „Englische Modell“ einer inklusiven Hochschule mit ihrem Studieninklusionsplan zu diskutieren. Statistiken über Studierende mit Beeinträchtigung, die für ein Semester oder ein Praktikum ins Ausland gehen, gibt es zwar nicht. Der Hildegardis-Verein kennt aber eine Frau, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in Ghana gemacht hat und aus der Pilotgruppe erzählte Nina Odenius über ihre zwei studienbegleitenden Praktika in Frankreich und Italien. Als blinde Frau habe sie in Paris und Pisa viel Unterstützung von Privatpersonen und Menschen auf der Straße erhalten, aber ein Konzept und Strukturen für den Umgang mit Studierenden mit Behinderung habe es kaum gegeben.

Was braucht es für das Studium im Ausland mit Behinderung?

Die Bedarfe der Studierenden unterscheiden sich erheblich: Während die einen ihre Behinderung nicht einmal offiziell angeben, müssen sich andere ihre Auslandsreisen erkämpfen und wieder andere – mit Assistenzbedarf – stehen vor großen logistischen und finanziellen Herausforderungen. Zuletzt gibt es auch Frauen und Männer mit Behinderung, die sich selbst von vornhinein kein Auslandsstudium zutrauen und gar nicht erst nach Möglichkeiten fragen. Diese Barrieren in den Köpfen müssen überwunden werden, indem Studierende mehr ermutigt werden, lautete ein Fazit der Pilotgruppe. Denn es gibt etwa in Irland ausgereifte Konzepte und eine selbstverständliche Aufnahme von Studierenden mit Behinderung, von denen andere – auch deutsche – Hochschulen einiges lernen könnten.

Als weitere Perspektive für eine inklusive Hochschule beriet die Gruppe über Vor- und Nachteile des „Englischen Modells“, also des Studieninklusionsplans, der an zahlreichen englischsprachigen Hochschulen angeboten wird. Dieser sieht vor, dass Studierende mit Beeinträchtigungen zu Studienbeginn einmal in einem Beratungsgespräch ihre Bedarfe äußern und die Hochschule dann dafür zu sorgen hat, dass sie erfüllt werden. Die Bedarfe werden an vorab vereinbarte Lehr- und Verwaltungskräfte weitergeleitet und Studierende können sich im Kontakt mit ihrem Lehrpersonal auf fachliche Fragen konzentrieren. Um so einen Inklusionsplan zu erhalten, müssen die Studierenden Nachweise vorlegen. Was ist aber mit denjenigen, deren Beeinträchtigung sich im Laufe der Zeit verändert, was bei rund der Hälfte der Fall ist, etwa weil sie Posttraumatische Belastungsstörungen haben?

In Deutschland haben die meisten Hochschulen ihr eigenes System. Als ersten Schritt merkten die Pilotgruppenmitglieder an, dass die Ansprechpersonen an den Hochschulen nicht jährlich wechseln sollten, wie es bislang der Fall sei. Danach könnte erwogen werden, auf politischer Ebene zu intervenieren. Bislang wird die Hol- und Bringschuld als besonderes Spannungsfeld wahrgenommen, hier könnte das Englische Modell vieles vereinfachen.

Erzählcafés und inklusiver Tanzkurs

Das Fachkolleg und die fünf Modellstandorte berichteten weiter über den aktuellen Stand an ihren Hochschulen. So entwickelten sich die Biografiezirkel allmählich und seien insbesondere an der TH Köln sehr erfolgreich, wo bereits fünf Treffen stattfanden, berichtete Projektkoordinatorin Melanie Peschek. In Biografiezirkeln (auch Erzählcafés genannt) treffen sich Studentinnen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen und/oder besonderen familiären Herausforderungen in einem geschützten Rahmen zu einer Gesprächsrunde.

An der Fachhochschule Dortmund gibt es neuerdings bei der online-Einschreibung den Hinweis auf das „Team Barrierefrei Studieren“, um frühzeitig über Beratungsmöglichkeiten zu informieren. Im Wintersemester 2018/19 nahmen vier Studierende vor Vorlesungsbeginn so Kontakt auf, im Sommersemester waren es sieben. Die Universität Leipzig plant einen inklusiven Sport- und Aktionstag am 5. Juni und plant außerdem das Programm t.e.a.m-ability („team expertise alumnae mentoring“), das auch die anderen Hochschulen der Stadt übernehmen wollen. Die Universität Bamberg will am 15. Mai ein Bewerbungstraining für Studierende mit Beeinträchtigung anbieten und plant weiter unter anderem einen inklusiven Tanzkurs. Die Universität Köln hat einen neuen (2018 entwickelten) Inklusionsplan und will in den kommenden fünf Jahren bis zu 50 Maßnahmen umsetzen.

Das fünfstündige Treffen fand am 29. März 2019 in den Räumen der Aktion Mensch im Süden Bonns statt. Viele Teilnehmer*innen äußerten im Anschluss, dass sie es als sehr intensiv, spannend und bereichernd empfunden haben. Das Pilotgruppentreffen habe wichtige Impulse vermittelt. Die Beiträge und kontroversen Diskussionen wirkten auch nach Wochen noch nach, schrieb eine Teilnehmerin dem Hildegardis-Verein.

Symposium "Zehn Jahre UN Behindertenrechtskonvention - Selbstbestimmung, Partizipation und Inklusion revisited"

Jürgen Dusel beim Symposium "Zehn Jahre UN Behindertenrechtskonvention - Selbstbestimmung Partizipation und Inklusion revisited"

Am 2. April 2019 waren wir mit dem Fachkolleg zu Gast an der Ruhr-Universität Bochum, die zusammen mit der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe und der Hochschule für Gesundheit Bochum das Symposium "Zehn Jahre UN Behindertenrechtskonvention - Selbstbestimmung, Partizipation und Inklusion revisited" veranstaltet hat.

Wir konnten uns viele spannende Vorträge von verschiedenen Personen anhören, an Fachforen teilnehmen und gemeinsam diskutieren. Der Vortrag von Professorin Theresia Degener warf einen Blick aus internationaler Perspektive auf 10 Jahre UN BRK, Dr. Adolf Ratzka vom Independent living Institute in Stockholm referierte über das Thema Selbstbestimmt leben als Menschenrecht. Außerdem war auch der Behindertenbeauftragter der Bundesregierung - Jürgen Dusel zu Gast und stellte die Teilhabe am politischen und öffentlichen Leben in den Mittelpunkt. Mit seinem Leitspruch "Demokratie braucht Inklusion" war das nur eines der Zitate, die es auf den Punkt bringen. 
Das Credo aller war, dass zwar schon viel erreicht ist, es aber auch noch viel zu erreichen gilt und wir alle gemeinsam für gleichberechtigte Teilhabe kämpfen müssen. Nicht zuletzt trifft auch heute noch das Zitat von Hubert Hüppe, dem ehemaligen Bundesbeauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderung zu: "Wer Inklusion will, sucht Wege und wer sie verhindern will, sucht Begründungen" (PM vom 7.3.2011).

Biografiezirkel, ein spannender Austausch

"In der Mittagspause zwischen den Vorlesungen und Seminaren kann frau in die Mensa gehen, in den nächst gelegenen Buchladen oder einen kleinen Spaziergang machen. Sie kann sich aber auch mit anderen treffen, um über die Herausforderungen zu diskutieren, die ein Studium mit sich bringt, wenn man eine chronische Erkrankung, eine psychische Beeinträchtigung oder eine körperliche Behinderung hat.

Klingt unwahrscheinlich? Passiert im Moment aber an einigen deutschen Unis und Fachhochschulen. So etwa auch an der TH Köln, einem von fünf Modellstandorten des Fachkollegs „Inklusion an Hochschulen – gendergerecht“. Seit April 2018 finden sich dort zweimal pro Semester Studentinnen, Angestellte und Lehrende mit Beeinträchtigung(en) zu sogenannten „Biografiezirkeln“ zusammen, um sich auszutauschen, einander zu stärken und zu ermutigen.

Die Themen, die die Teilnehmerinnen dabei besprechen, reichen von der Frage, was Erfolg individuell bedeuten kann, welche Barrieren ein akademisches Leben  mit einer Beeinträchtigung kennzeichnen und welche Lösungsstrategien dabei helfen, sie zu überwinden.

Für die Teilnehmerinnen ist ein solcher Austausch eine „sehr positive Sache“, so  Klara Groß-Elixmann, die den Biografiezirkel an der TH Köln organisiert und moderiert. „Sie erleben es als äußerst wertvoll, sich in einer Atmosphäre der Wertschätzung und des gegenseitigen Verständnisses Menschen gegenüber öffnen zu können, die wissen, wovon die Rede ist. In deren Geschichten sie sich wiederfinden. Und bei denen sie nicht das Gefühl haben, dass eine Rechtfertigung oder große Erklärungen notwendig sind.“

Besonders gewinnbringend ist es für die Zirkelteilnehmerinnen auch, mit Frauen zu reden, die auf der akademischen Leiter bereits weiter nach oben gestiegen sind – oder an der TH tätig sind. „Diese ’erfahreneren‘ Frauen liefern wichtige Impulse“, erklärt Groß-Elixmann. „Sie vermitteln, dass es auch mit einer Beeinträchtigung möglich ist, in diesem Umfeld erfolgreich zu sein. Das macht Mut.“ Ebenso ist es bei den Frauen, die in der Verwaltung oder anderen Abteilungen der Hochschule arbeiten. „Der Austausch mit diesem Personenkreis lenkt den Blick über den Tellerrand hinaus, bietet Einsicht in das Berufsleben, das nach dem Studium kommt.“

Auch die Frage der Vereinbarkeit von Studium und Familienverantwortung wird in Biografiezirkeln häufig diskutiert. Denn für einige der Teilnehmerinnen ist es  keine körperliche oder psychische Beeinträchtigung, sondern die Pflege eines Elternteils oder die Erziehung eines Kindes,- die sie täglich herausfordert. Um es auch ihnen zu ermöglichen, beim Biografiezirkel mit zu machen, findet dieser an der TH Köln jetzt in der Mittagspause statt.

Kein Wunder also, dass viele der Frauen, die einmal an einem Biografiezirkel teilgenommen haben, wiederkommen. „Diese positive Resonanz zeigt uns, dass wir hier offensichtlich einen großen Bedarf erfüllen“, sagt Melanie Peschek, Projektkoordinatorin des Fachkollegs, „und bestätigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind! Wer also Interesse hat, an ihrer Hochschule einen Biografiezirkel zu organisieren, soll sich gerne bei uns melden. Wir freuen uns darauf!"