2020

Fachkolleg um ein halbes Jahr verlängert

Das Projekt Fachkolleg „Inklusion an Hochschulen – gendergerecht“ wurde bis einschließlich Januar 2021 verlängert. Grund ist die Coronakrise, die es den Modellstandorten unmöglich gemacht hat, einzelne Maßnahmen im Sommersemester 2020 umzusetzen.
In den sechs Monaten der Verlängerung haben die Beteiligten an den fünf Modellstandorten (Uni Bamberg, FH Dortmund, TH Köln, Uni Köln sowie Uni Leipzig) die Möglichkeit, noch einzelne Maßnahmen wie etwa Trainings umzusetzen.
Die Mitarbeiterinnen des Fachkollegs in der Geschäftsstelle des Hildegardis-Vereins werden Publikationen fertigstellen und veröffentlichen. Dazu zählt ein ausführliches Buch über Erkenntnisse und Herausforderungen des Fachkollegs, ein Paper mit Handlungsempfehlungen für eine gendergerechte, inklusive Hochschule sowie eine Handreichung für ehrenamtliche Moderatorinnen* von Biografiezirkeln, die es Studentinnen* ermöglichen soll, Biografiezirkel zu organisieren und zu leiten. Bereits fertiggestellt ist ein interner Evaluationsbericht über das Fachkolleg. In Form einer Wirkungsanalyse werden darin einzelne Maßnahmen der verschiedenen Standorte und des Hildegardis-Vereins beurteilt.
Weiter sollen ein oder mehrere Videos produziert werden, in denen Frauen* mit Behinderung(en) in ihrem Hochschulumfeld zu Wort kommen. Diese werden hier auf der Webseite und auf unserer Facebook-Seite veröffentlicht, die wir natürlich auch bis Ende Januar 2021 pflegen und mit aktuellen Informationen bestücken werden.

Hochschulische Inklusion und Geschlechtergerechtigkeit zusammendenken

150 hochrangige Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft forderten beim Kongress des Fachkollegs „Inklusion an Hochschulen – gendergerecht“ in Berlin am 31.01.2020 eine gendergerechte Inklusion an Hochschulen; die bislang größte Veranstaltung des Hildegardis-Vereins zeigt großen Bedarf.

6 Fachleute für gendergerechte Inklusion, die beim Kongress Eingangsworte hielten

Ministerialrätin Christina Hadulla-Kuhlmann (BMBF), Charlotte Kreuter-Kirchhof (Hildegardis-Verein), Niedersachsens Landesbehindertenbeauftragte Petra Wontorra, Ninia LaGrande, Hannah Schepers (Hildegardis-V.), Bundesbehindertenbeauftragter Jürgen Dusel; Bildquelle: Anna Spindelndreier/Hildegardis-Verein

„Der Abbau von Barrieren und das Ausgleichen von Nachteilen ist nur ein erster Schritt – wir brauchen darüber hinaus eine Lern- und Lehrkultur an unseren Hochschulen, die gelebte Teilhabe ermöglicht.“ Mit dieser Forderung eröffnete die Vorsitzende des Hildegardis-Vereins Prof‘in Dr.in Charlotte Kreuter-Kirchhof am Freitag in Berlin den Fachkongress „Hochschule ohne Hindernisse – Aufgaben, Beispiele, Chancen“. Im Kleisthaus, dem Amtssitz des Bundesbehindertenbeauftragten, nahmen rund 150 hochrangige Persönlichkeiten an der Abschlussveranstaltung des dreijährigen Fachkollegs „Inklusion an Hochschulen – gendergerecht“ teil. Die außerordentliche Resonanz auf die ursprünglich für ein Fachpublikum von 80 Personen geplante Veranstaltung zeige nachdrücklich den großen Bedarf für den fachlichen Austausch und die Weiterentwicklung dieses Themas, so Kreuter-Kirchhof. Sie erinnerte daran, dass laut der best2-Studie des Deutschen Studentenwerks 11 Prozent der rund 2,8 Millionen Studierenden in Deutschland eine studienrelevante Beeinträchtigung haben.

Das Fachkolleg Inklusion schärfe das Bewusstsein für Gendergerechtigkeit und Inklusion – bei Studierenden, Lehrenden und Angestellten. „Wir sind der Ansicht, dass Inklusion und Gleichstellung zusammengedacht werden müssen und als umfassende ‚Vielfaltsstrategie‘ für alle in der Hochschule Tätigen zur täglichen Praxis gehören sollten“, erklärte die Vereinsvorsitzende. „Nachteilsausgleiche müssen allen Lehrenden vertraut sein. Auch Begegnungsräume für Studierende jenseits klassischer Studienleistungen tragen nachdrücklich zur Inklusion bei.“ Deshalb engagiere sich der Hildegardis-Verein seit mehr als zehn Jahren auf dem Gebiet.

Auf dem Podium sind Ninia LaGrande, Sylvia Heuchemer, Thomas Hofsäss, Jochen Drescher, Britt Dahmen, Jörg Wolstein, Katja Dörner & Petra Wontorra; Bildquelle: Anna Spindelndreier/Hildegardis-Verein

Als Hausherr sagte der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Jürgen Dusel: „Aus meiner Zeit an der Hochschule weiß ich: Nachteilsausgleiche durchzusetzen, technische Hilfsmittel zu organisieren und die vielen anderen praktischen Herausforderungen des Studienalltags zu bewältigen, kostet viel Kraft und Zeit. Insbesondere dann, wenn die Akzeptanz und das Verständnis nicht bei allen Mitstudierenden, Lehrkräften oder bei der Hochschulverwaltung selbstverständlich sind. Deshalb begrüße ich das Fachkolleg ‚Inklusion an Hochschulen – gendergerecht‘ des Hildegardis-Vereins, in dem Inklusion nicht nur ein Schlagwort ist, sondern gelebt wird. Das Fachkolleg Inklusion befördert ein akademisches Lehr- und Lernumfeld auf allen Ebenen, das Vielfalt schätzt und die Stärken der Menschen in den Vordergrund stellt,“ so Dusel in seiner Begrüßungsansprache.

An der Tagung nahm unter anderem die Bundestagsabgeordnete Katja Dörner (Grüne) teil, die mit Leitungspersonen der bundesweit fünf Modell-Hochschulen des Projekts über Beispiele gelungener Inklusion und über Hindernisse diskutierte, die gelöst werden müssen. Moderiert von der Slam-Poétin Ninia LaGrande, sprachen im Anschluss der Inklusionsaktivist Raul Krauthausen sowie die erste gehörlose Professorin Deutschlands Prof‘in, Sabine Fries, und weitere Akademikerinnen mit Behinderung über ihre Erfahrungen beim Studium. Von der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) des Deutschen Studentenwerks ergänzte Dr.in Christiane Schindler Handlungsempfehlungen, die sich aus der best2-Studie ergeben. Ministerialrätin Christina Hadulla-Kuhlmann nahm für das Bundesministerium für Bildung und Forschung teil, das das Projekt fördert.

Die Leiterin der Disability Studies an der Universität Oregon in Eugene, Prof‘in Elizabeth Wheeler, berichtete in ihrem Vortrag, dass es auch im US-amerikanischen Hochschulwesen im Bereich Inklusion noch viel zu tun gäbe. Es gäbe aber auch innovative Konzepte. Sie würdigte in dem Zusammenhang den Biografiezirkel-Ansatz des Projekts „Fachkolleg Inklusion“. Die dort gepflegte persönliche Kommunikation im geschützten Raum sei eine gute Herangehensweise auch für die University of Oregon. Aus der Überzeugung, dass Menschen mit Behinderung die besten Expert*innen für ihr eigenes Leben sind, plane sie eine ähnliche Maßnahme, so Wheeler. Sie habe Mittel beantragt, um eine Gesprächs-Plattform für Studierende mit Angststörungen zu schaffen, die eine gemeinschaftliche Analyse und ein gemeinschaftliches Handeln entwickeln soll. „Wenn eine Gruppe von Studierenden mit Angstzuständen sich regelmäßig treffen würde, um über ihre gemeinsamen Erfahrungen zu sprechen, könnten sie eine gemeinsame Antwort entwickeln, die zu systemweiten Lösungen führt,“ erklärte die US-Wissenschaftlerin. Dafür sei das Projekt des Hildegardis-Vereins ein exemplarisches Modell.

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