„Intensiv und bereichernd“ - Pilotgruppe diskutiert über Perspektiven für inklusive Hochschulen

Teilnehmer*innen sitzen an Tischen und sehen sich ein Video an, welches an die Wand projeziert wurde
3. Pilotgruppensitzung

„Die  Vertragsstaaten  stellen  sicher,  dass  Menschen  mit  Behinderungen  ohne Diskriminierung  und  gleichberechtigt  mit  anderen  Zugang  zu  allgemeiner Hochschulbildung, Berufsausbildung, Erwachsenenbildung und lebenslangem Lernen  haben.“ So heißt es im Artikel 24 der UN-Behindertenrechtskonvention. In Deutschland trat sie vor zehn Jahren in Kraft – am 26. März 2009. Wenige Tage nach dem Jubiläum erinnerte die 3. Pilotgruppensitzung des „Fachkollegs Inklusion an Hochschulen – gendergerecht“ daran, dass sich an den Hochschulen noch einiges tun muss, bis dieses Recht auf Bildung von allen wahrgenommen werden kann. Auch die Studierenden selbst nannten in der aktuellen best2-Datenerhebung („beeinträchtigt studieren 2016/17“) mehrere Verbesserungsvorschläge.

Hier setzte die Pilotgruppe an: Die 15 Teilnehmer*innen von den Hochschulen, Akademikerinnen mit Behinderung und Mitarbeitende aus dem Hildegardis-Verein nahmen sich viel Zeit, um über das Auslandsstudium mit Behinderung und das „Englische Modell“ einer inklusiven Hochschule mit ihrem Studieninklusionsplan zu diskutieren. Statistiken über Studierende mit Beeinträchtigung, die für ein Semester oder ein Praktikum ins Ausland gehen, gibt es zwar nicht. Der Hildegardis-Verein kennt aber eine Frau, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) in Ghana gemacht hat und aus der Pilotgruppe erzählte Nina Odenius über ihre zwei studienbegleitenden Praktika in Frankreich und Italien. Als blinde Frau habe sie in Paris und Pisa viel Unterstützung von Privatpersonen und Menschen auf der Straße erhalten, aber ein Konzept und Strukturen für den Umgang mit Studierenden mit Behinderung habe es kaum gegeben.

Was braucht es für das Studium im Ausland mit Behinderung?

Die Bedarfe der Studierenden unterscheiden sich erheblich: Während die einen ihre Behinderung nicht einmal offiziell angeben, müssen sich andere ihre Auslandsreisen erkämpfen und wieder andere – mit Assistenzbedarf – stehen vor großen logistischen und finanziellen Herausforderungen. Zuletzt gibt es auch Frauen und Männer mit Behinderung, die sich selbst von vornhinein kein Auslandsstudium zutrauen und gar nicht erst nach Möglichkeiten fragen. Diese Barrieren in den Köpfen müssen überwunden werden, indem Studierende mehr ermutigt werden, lautete ein Fazit der Pilotgruppe. Denn es gibt etwa in Irland ausgereifte Konzepte und eine selbstverständliche Aufnahme von Studierenden mit Behinderung, von denen andere – auch deutsche – Hochschulen einiges lernen könnten.

Als weitere Perspektive für eine inklusive Hochschule beriet die Gruppe über Vor- und Nachteile des „Englischen Modells“, also des Studieninklusionsplans, der an zahlreichen englischsprachigen Hochschulen angeboten wird. Dieser sieht vor, dass Studierende mit Beeinträchtigungen zu Studienbeginn einmal in einem Beratungsgespräch ihre Bedarfe äußern und die Hochschule dann dafür zu sorgen hat, dass sie erfüllt werden. Die Bedarfe werden an vorab vereinbarte Lehr- und Verwaltungskräfte weitergeleitet und Studierende können sich im Kontakt mit ihrem Lehrpersonal auf fachliche Fragen konzentrieren. Um so einen Inklusionsplan zu erhalten, müssen die Studierenden Nachweise vorlegen. Was ist aber mit denjenigen, deren Beeinträchtigung sich im Laufe der Zeit verändert, was bei rund der Hälfte der Fall ist, etwa weil sie Posttraumatische Belastungsstörungen haben?

In Deutschland haben die meisten Hochschulen ihr eigenes System. Als ersten Schritt merkten die Pilotgruppenmitglieder an, dass die Ansprechpersonen an den Hochschulen nicht jährlich wechseln sollten, wie es bislang der Fall sei. Danach könnte erwogen werden, auf politischer Ebene zu intervenieren. Bislang wird die Hol- und Bringschuld als besonderes Spannungsfeld wahrgenommen, hier könnte das Englische Modell vieles vereinfachen.

Erzählcafés und inklusiver Tanzkurs

Das Fachkolleg und die fünf Modellstandorte berichteten weiter über den aktuellen Stand an ihren Hochschulen. So entwickelten sich die Biografiezirkel allmählich und seien insbesondere an der TH Köln sehr erfolgreich, wo bereits fünf Treffen stattfanden, berichtete Projektkoordinatorin Melanie Peschek. In Biografiezirkeln (auch Erzählcafés genannt) treffen sich Studentinnen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen und/oder besonderen familiären Herausforderungen in einem geschützten Rahmen zu einer Gesprächsrunde.

An der Fachhochschule Dortmund gibt es neuerdings bei der online-Einschreibung den Hinweis auf das „Team Barrierefrei Studieren“, um frühzeitig über Beratungsmöglichkeiten zu informieren. Im Wintersemester 2018/19 nahmen vier Studierende vor Vorlesungsbeginn so Kontakt auf, im Sommersemester waren es sieben. Die Universität Leipzig plant einen inklusiven Sport- und Aktionstag am 5. Juni und plant außerdem das Programm t.e.a.m-ability („team expertise alumnae mentoring“), das auch die anderen Hochschulen der Stadt übernehmen wollen. Die Universität Bamberg will am 15. Mai ein Bewerbungstraining für Studierende mit Beeinträchtigung anbieten und plant weiter unter anderem einen inklusiven Tanzkurs. Die Universität Köln hat einen neuen (2018 entwickelten) Inklusionsplan und will in den kommenden fünf Jahren bis zu 50 Maßnahmen umsetzen.

Das fünfstündige Treffen fand am 29. März 2019 in den Räumen der Aktion Mensch im Süden Bonns statt. Viele Teilnehmer*innen äußerten im Anschluss, dass sie es als sehr intensiv, spannend und bereichernd empfunden haben. Das Pilotgruppentreffen habe wichtige Impulse vermittelt. Die Beiträge und kontroversen Diskussionen wirkten auch nach Wochen noch nach, schrieb eine Teilnehmerin dem Hildegardis-Verein.

Zurück