Mit Körpereinsatz sensibilisieren - Inklusion an der Uni Köln

Drei Teilnehmer*innen spielen Goalball und versuchen einen Ball zu fangen.
Goalball mit vollem Körpereinsatz.

Sechs Spieler*innen knien sich gegenüber. Sie sind jeweils zu dritt vor einem 9 Meter breiten Tor aufgestellt, welches nur knapp über einen Meter hoch ist. Gespannt lauschen sie darauf, wo das nächste Geräusch herkommt. Ein Ball ist zu hören, der mal hüpft, mal rollt. Aber er ist stets zu hören, weil sich in ihm Glöckchen befinden, die diesen deutlich hörbar machen. Es wird schnell reagiert, denn das eigene Tor muss geschützt werden. Es wird sich auf den Boden geworfen, über diesen geglitten und möglichst breit gemacht. Doch hin und wieder passiert es, dass der Ball in das eigene Tor springt. Den Anweisungen des Trainers wird genau zugehört und die Schwächen des  Gegenübers von diesem immer wieder ausfindig gemacht. Der Ball sollte nämlich stets in das gegnerische Tor gelangen und nicht in das eigene. Das hört sich nicht sonderlich schwer an, doch alle Sportler*innen tragen blickdichte Brillen. Niemand kann etwas sehen.

Goalball ist die beliebteste Ballsportart, die nach Gehör gespielt wird und trotzdem kennen nur wenige Sehende diesen Sport. Diese Sportart war nur eine von vielen, die am 25. Mai 2019 an der Uni Köln im Zuge des Aufbaumoduls „Sport für und mit Menschen mit Sehbehinderung“ ausprobiert wurden. Es ist Teil einer größeren Reihe, die viele Aspekte des Behindertensports, auch an Menschen ohne Beeinträchtigungen vermittelt. Das Ziel dieses Moduls war es Trainer*innen und Sportler*innen für einen inklusiven Unisport zu sensibilisieren und damit Barrieren abzubauen. Eckhard Rohde, der Leiter des Unisports, Teresa Odipo und Marcel Wienands brachten den Teilnehmer*innen theoretische und praktische Inhalte näher. Teresa Odipo und Marcel Wienands, beide wissenschaftliche Mitarbeiter*innen an der Deutschen Sporthochschule Köln, sind aktiv im Behindertensport und haben bereits zahlreiche Erfahrungen gesammelt. Teresa Odipo ist sogenannte Begleitläuferin für einen blinden Läufer und Marcel Wienands hat während seines Studiums einen Großteil seines Sehvermögens verloren.

Sport ist für die meisten Menschen ein elementarer Teil des Alltags und kann in verschiedensten Formen ausgeübt werden. Welche Barrieren dabei bestehen, hängt von der individuellen Situation ab. Ziel des Kurses ist eine Vermittlung verschiedener Variationen und das Eingehen auf die Möglichkeiten, die ein jedem gegeben sind. Körperliche Beeinträchtigungen sind für das Team um Rohde, Odipo und Wienands kein Hindernis, sondern eine Herausforderung. Deswegen war neben dem theoretischen Teil, der wesentliche Aspekte der Beeinträchtigungen vermittelte, besonders der praktische Teil wichtig, der den eigenen Horizont erweitert. Eine spätere Anwendung des Wissens und der Erfahrungen wird sich bei allen Teilnehmenden finden. Selbiges lässt sich jetzt schon für den nächsten Kurs sagen, der „motorische Beeinträchtigungen“ thematisieren  wird. Er wird ebenso neue Erfahrungswerte vermitteln.

Marcel Wienands gibt den Teilnehmenden Positionsanweisungen.
Unter Anweisung wurde sich positioniert.

So lief der Kurs konkret ab: Neben dem theoretischen Input, der besonders von Marcel Wienands vorgetragen wurde, der  über verschiedene Formen von Sehbeeinträchtigungen aufklärte, war wohl besonders der praktische Teil sehr eindrücklich. Allen Teilnehmer*innen wurden die Augen verbunden, damit eine Chancengleichheit bestand. Mit verschiedenen Spielen und Übungen wurden schließlich die Herausforderungen angegangen. Dehnübungen waren der Anfang. Mit verschlossenen Augen gestaltet sich eine solche erste Übung überraschend schwer. Die Positionen, zur Dehnung bestimmter Körperpartien konnten ohne optische Beispiele nur schwer nachgeahmt werden und genauere Anweisungen waren notwendig. Nach dieser ersten Hürde wurde dann Gehör, Vertrauen und Konzentration, anhand von verschiedenen Spielen, sensibilisiert. Eine dieser Übungen bestand daraus, Teams zu bilden und sich dann getrennt im Raum zu verteilen, um sich dann wiederzufinden. Dieses geschah durch selbst ausgedachte Geräusche. Eine Erkenntnis bei dieser Übung war, dass die Umgebungsgeräusche überraschend irritierend sein können und dass viele Geräusche sich sehr ähneln. Eine andere Übung bestand daraus, nach Anweisung bestimmte Schritte in verschiedene Richtungen zu machen und anschließend zu beurteilen wie sich die eigene Ausgangsposition verändert hat. Für viele war die abschließende Einschätzung nur durch die Position des Trainers Marcel Wienands möglich, der die Anweisungen mündlich weitergab.  Für die Teilnehmer*innen wurde dadurch klar, dass das Fehlen des Sehsinns die anderen Sinne stärker einbezieht. Konzentration, aber auch Vertrauen gegenüber den Mitmenschen spielen dabei eine enorme Rolle, die erst durch das eigene Erfahren richtig spürbar werden.

Zwei Sportler*innen joggen im Team. Eine Person trägt eine Augenbinde.
Der Untergrund spielte kaum eine Rolle.

Nach diesen ersten Übungen wurde es fordernder. Wie funktioniert die Orientierung draußen? Was ist, wenn die Bewegungen schneller werden? Teresa Odipo führte die Gruppe in das Begleitlaufen ein. Hierzu trägt ein Tandem aus zwei Menschen ein Band zwischen sich, über das Signale weitergegeben werden. Dazu wird beispielhaft am Band gezogen. Aber auch die mündliche Kommunikation spielt eine wichtige Rolle. Kurzerhand wurde die Gruppe in Zweierteams eigenständig losgeschickt. Eine Person ohne Augenbinde und eine mit. Es ging Kurven entlang, Treppen rauf und runter und dann wurde die Augenbinde gewechselt. Nach kurzer Orientierung ging es dieselbe Strecke wieder zurück. Rechts, links, über verschiedene Untergründe zum Ausgangspunkt zurück. Das Fazit: Laufen ist auch mit eingeschränkter oder nicht vorhandener Sehkraft möglich. Langsame Bewegungen sind nicht nötig.

Der Höhepunkt des Seminars bildete Goalball. Ein schneller Sport, der alle Fähigkeiten braucht, die zuvor geschult wurden. Konzentration, genaues Gehör, aber auch Vertrauen gegenüber den Mitspieler*innen und des Trainers bzw. der Trainerin, welche/r die Anweisungen gibt. Einziges Manko für die normalerweise Sehenden: Die schnellen Bewegungen, die wohl das größte Hindernis waren. Fitness wird in allen Bereichen des Körpers benötigt. Dieses hat sich dann schließlich auch in der Auswertung bemerkbar gemacht. Für manche war Goalball etwas zu viel des Guten. Spaß hat es aber allemal gemacht.

 

Die Veranstaltung ist ein Teil einer längeren Reihe. Es werden weitere Veranstaltungen in naher Zukunft folgen. Wir werden darüber selbstverständlich informieren.

Das Bildmaterial wurde vom Unisport Köln zur Verfügung gestellt. Alle Rechte vorbehalten.

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